Tut mir leid, daß du es ausgerechnet von mir erfährst, aber du wirst nie glücklich sein.

Erster Satz aus Vincent

Mit diesem faszinierenden ersten Satz startet Joey Goebels Roman Vincent. Der junge, intelligente und sozial benachteiligte Vincent hat sein ganzes Leben noch vor sich als er Harlan kennenlernt. Das künstlerische Talent macht den Jungen schon früh zu etwas besonderem und Mr. Lipowitz, Chef des Unternehmens New Renaissance, erkennt dieses Talent und beschließt es zu fördern – mit fatalen Folgen für Vincent. Er bezahlt Harlan, damit dieser dafür sorgt, dass Vincent immer inspiriert bleibt; auch wenn das bedeutet ihm Leid zuzufügen.

Ein Künstler muss leiden

Was macht einen guter Künstler aus? In Vincent ist diese Antwort leicht zu beantworten: Leid. Mr. Lipowitz nimmt an, dass ein Künstler nicht glücklich sein darf und das ist die Grundlage seines Geschäftskonzepts. Harlan, der selbst gescheiterter Künstler ist, verschreibt sich diesem Plan, auch wenn das mit der Zeit immer schwieriger für ihn wird. Es steht auch in scharfem Kontrast zu seiner guten Beziehung zu Vincent.

Auch wenn Harlan bloß Vincents Manager ist, werden die beiden auch Freunde. Harlan kennt Vincent schon als dieser noch ein Kind ist, er kennt auch Vincents ziemlich verkorkste Familie. Nach dem Weggang seiner Mutter, ist Vincent quasi allein und hat nur Harlan, das verbindet die beiden. Aber eines steht immer zwischen den beiden: Vincent ahnt nicht, dass Harlan für einen großen Teil seines Unglücks verantwortlich ist.

„Ich dachte daran, ihn mit meinen positiveren Theorien wieder aufzubauen, wie etwa, daß er als Künstler in der Lage sei, Gegenwelten zu erschaffen – herrliche, reine Welten, Werke, die Häßliches aufdeckten und die Wahrheit ans Licht brachten und dergleichen. Ich dachte daran, ihm meine Überzeugung mitzuteilen, daß der Künstler der Erlöser der Welt sei.“

Harlan über Vincent (S. 121)

Prekäre familiäre Verhältnisse

Und in Vincents Leben geht wirklich einiges schief. Freunde wenden sich von ihm ab, bei Frauen hat er kein Glück, Krankheiten und anderes Elend verfolgt ihn. Ironisch daran ist, dass eben nur ein Teil durch Harlan verursacht wird. Manches spielt Harlan einfach nur in die Karten und an mancher Stelle hat Vincent auch einfach nur Pech. Das größte Unglück und auch die Ausgangslage ist wohl seine Familie.

Seine Mutter Veronica ist – freundlich gesprochen – umtriebig und freizügig und kümmert sich kaum um ihre zahlreichen Kinder. Deswegen hat sie auch nichts gegen den Plan, Vincent zu einem großen Künstler zu machen, egal was das bedeutet. Hauptsache sie profitiert finanziell. Bei uns Leser_innen hat das natürlich einen ziemlich üblen Beigeschmack. Sie hat Vincent quasi verkauft.

Der Roman ist in drei Teile geteilt. Im ersten Teil geht es um Vincents Kindheit und seine Familie. Im zweiten Teil ist er älter, geht auf die Akademie von New Renaissance und hat seine ersten künstlerischen Erfolge und im Dritten Teil erleben wir Vincent als jungen Erwachsenen und es wird sehr deutlich, welch drastische Auswirkungen das sein unglücksverseuchtes Leben auf ihn hat.

Immer wieder streut Joey Goebel Textauszüge aus Vincents Schaffen mit uns. Das ist ungeheuer spannend zu lesen und zeugt von genialem schriftstellerischem Können. Das hat mich am Roman auch am meisten beeidruckt. Joey Goebels Roman ist enorm abwechslungsreich und ich habe keine der Wendungen vorhergesehen. Dieses Buch hat mich immer wieder überrascht und deshalb war es eine wahre Freude es zu lesen.

Meine signierte Ausgabe von Vincent

Vincent | Joey Goebel | Diogenes | 2005 | 431 Seiten | 13,00€ (D) | übersetzt von Hans M. Herzog und Matthias Jendis

Wenn du mehr über den Autor erfahren möchtest, lies gerne meinen Bericht zur Lesung mit Joey Goebel.

1 Comment

  1. Hach, wie schön! Joey Goebel und dann noch mit Unterschrift! Ich möchte das Buch auch unbedingt lesen und habe bisher nur Gutes gehört!

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