Halb Göttin, halb Nymphe bietet die Geschichte von Circe tollen Stoff für eine literarische Umsetzung. Madeline Miller hat sich die Sagen rund um die Tochter des Sonnengottes Helios genau angesehen und den tollen Roman Ich bin Circe daraus gemacht.

Obwohl sie Tochter eines mächtigen Gottes ist, ist Circe nicht wie die anderen Götter. Ihre Stimme ist menschlich und ihr Charakter ist widerspenstig und nicht so angepasst, wie der ihrer Geschwister. Das bringt ihr viel Hohn unter den Göttern ein. Doch bald merkt sie, dass sie ein echtes Händchen für magische Pflanzen hat.

Tief in meinen Adern erwachte eine Erkenntnis und flüsterte mir etwas zu: dass die Kraft dieser Blumen in ihrem Saft verborgen lag. Ein Saft, der jedes Geschöpf zu seiner wahren Bestimmung führen konnte.

S. 65

Circe ist eine neugierige Frau. Zu Beginn der Geschichte ist sie quasi ein Kind. Sie ist naiv und unbedarft. Aber sie wächst und entwickelt sich charakterlich. Sie weiß sich mehr durchzusetzen und gibt nicht auf, auch wenn ihr die Götter allerlei Steine in den Weg legen. Im Laufe des Romans wandelt sie sich von einem jungen, unsicheren Kind, das von der eigenen Familie unterjocht wird, hin zu Circe, einer eigenständigen, mutigen und sorgenden Mutter, die sich auf einer kleinen Insel ihr eigenes Heim einrichtet.

Die Halbgöttin Circe hat auch einen sehr guten Draht zu den Menschen. Mehr als einmal zeigt sie großes Interesse für einzelne Menschen, die ihr begegnen. Allerdings sieht sie auch nicht nur die guten Seiten und erlebt wozu Menschen fähig sind. Im Verlauf des Romans steht sie immer wieder zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt. Von den anderen Göttern wird sie für dieses Interesse nur belächelt.

Die mythologischen Elemente des Romans sind sehr faszinierend. Neben der Hauptperson tauchen natürlich noch einige andere griechische Götter und Sagenwesen auf. Manche Geschichten kannte ich selbst schon und habe mich gefreut, dass sie in Ich bin Circe einen Platz gefunden haben, andere waren neu für mich und deshalb sehr interessant.

Millers Schreibstil ist sehr narrativ und Circe erzählt ihre Geschichte im Nachhinein. Der Roman beginnt dabei bei ihrer Geburt und daher vergeht sehr viel Zeit in der Geschichte. Es gliedert sich in den Anfangsteil, in dem Circe noch unter den Göttern lebt, dann einen Teil, den sie allein auf ihrer Insel verbringt und dann einen Teil zu ihr als Mutter.

Besonders dieser letzte Teil hat mir sehr gut gefallen, weil wir als Leserinnen und Leser Circe bis zu diesem Punkt schon sehr gut einschätzen können und sie sich als Mutter aber nochmal verändert. Mir gefiel die Vielseitigkeit von Circe als Göttertochter, Magierin, Mutter und Menschenfreund sehr gut.

Ich bin Circe ist eine spannende Geschichte, deren Fantasie in der Wiederverwendung und Aufarbeitung göttlicher, antiker Stoffe beruht und die Gleichzeitig eine einzigartige und facettenreiche Circe erschafft. Die Erzählung ist abwechslungsreich und voller antiker Mythen, sodass das Lesen wirklich viel Spaß macht.

Ich bin Circe | Madeline Miller | Eisele Verlag | 30.08.2019 | 520 Seiten | gebunden | übersetzt von Frauke Brodd.

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