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„Der Report der Magd“ von Margaret Atwood

Es gibt Bücher, da fragt man sich nach der Lektüre wieso man so lange gewartet hat, es zu lesen. So geht es mir mit „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood. Das Buch steht schon länger in meinem Regal, aber ich habe es immer wieder aufgeschoben. So lange, bis Charlie von @keinezeitfuerlangeweile mich dazu motiviert hat, es mit ihr gemeinsam zu lesen. Es hat mir so gut gefallen, dass ich meine Begeisterung gleich an dich weitergeben möchte, falls es zufällig auch in deinem Regal steht.

Zum Inhalt von Der Report der Magd

Offred lebt in einer Gesellschaft, in der Geburt und Nachkommen das höchste Gut sind. Deshalb wurde sie, wie auch einige andere Frauen, auserkoren, zu gebären. Sie lebt im Haushalt des Kommandanten, um für dessen Frau ein Kind zu gebären und ihr Leben unterliegt strengen Regeln, deren Verstoß zu ihrem Tod führen würden. Doch würde sie nicht vielleicht lieber sterben, als weiterhin unter diesen Bedingungen leben zu müssen?

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Schockierend und fesselnd

Margaret Atwoods Dystopie hat mich auf vielfache Weise schockiert. Der Gesellschaftsentwurf ist sehr gut durchdacht und lässt die Leserinnen und Leser immer wieder hinterfragen, ob es nicht eine durchaus realistische Entwicklung darstellen könnte, wenn die Umstände passen. Für Offred (die eigentlich ganz anders hieß) fing alles vergleichsweise „harmlos“ an. Zuerst musste sie nur ihren Job aufgeben, dann folgte die Enteignung ihres Besitzes, der nun von ihrem Mann verwaltet würde, dann nahm man ihr ihre Familie und zuletzt verlor sie alles, was sie auszeichnete. Das einzige, was man noch von ihr benötigte, war ihre Gebärfähigkeit.

Feminismus

In Atwoods Roman geht es viel um die Rolle der Frau und Atwood kritisiert scharf männliche Herrschaftsgefüge. Besonders spannend fand ich, wie sich die Beziehung zwischen Offred und ihrem Mann verändert, weil er die gesamte Macht über ihren Besitz bekommt.

„Er kniete immer noch auf dem Fußboden. Du weißt doch, dass ich immer für dich sorgen werde. Ich dachte: Schon fängt er an, den Vormund zu spielen. Dann dachte ich: Schon fängst du an, paranoid zu reagieren.“

In Der Report der Magd ist die Rolle der Frau ganz klar benannt. Es gibt „Mägde“ wie Offred, die einem Haushalt zugewiesen werden, um dort ein Baby zu gebären. Es gibt die „Hausfrauen“, die keine Kinder bekommen können und ihren Ehemännern treu zur Seite stehen, während diese versuchen die Magd zu schwängern und es gibt die „Marthas“, die sich um den Haushalt kümmern. Frauen, die aus der Reihe tanzen, droht der Tod durch öffentliches Erhängen.

Während Frauen ihre auferlegte Rolle spielen, verbringen die Kommandanten unterhaltsame Stunden in zwielichtigen Etablissements.

„Die Natur verlangt Vielfalt, für Männer jedenfalls. Das ist doch klar, es ist ein Teil der Fortpflanzungsstrategie. Es ist der Plan der Natur,“ ich sage nichts und so fährt er fort: „Die Frauen wissen das ganz instinktiv. Warum hätten sie sonst so viele verschiedene Kleider gekauft, in den alten Zeiten? Um die Männer glauben zu machen, daß sie mehrere, verschiedene Frauen seien. Jeden Tag eine neue Frau.“

An dieser Stelle hätte ich mir gewünscht, dass Offred mal ordentlich ausholt.

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Was bedeutet Freiheit?

Das kontroverse Konzept der Republik „Gilead“, wie sie im Buch genannt wird, basiert auf einem dehnbaren Freiheitsbegriff.

Es gibt mehr als nur eine Form von Freiheit, sagte Tante Lydia, Freiheit zu und Freiheit von. In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu. Jetzt bekommt ihr die Freiheit von. Unterschätzt sie nicht.

Ich gebe zu, dass ich erst ein wenig nachdenken musste, bis ich die Bedeutung dieser Textstelle in Gänze begriffen hatte. Was Atwood hier als „Anarchie“ bezeichnet, meint eigentlich unsere Gesellschaftsordnung, in der man als Frau die Freiheit hat, zu tun und lassen was man möchte: Jeans zu tragen, Sex zu haben, zu verhüten, Alkohol zu trinken, Spaß zu haben. In Gilead, sind Frauen frei von Belästigung, frei von Verantwortung, frei von eigenen Gedanken und frei von Selbstbestimmung. Aber ist das dann noch Freiheit?

Eine reale Bedrohung?

Der Report der Magd ist natürlich Fiktion. Aber wie viel reale Bedrohung steckt darin? Wenn ich so Aussagen höre, wie die von Donald Trump, dass er Frauen gerne in den Schritt fasse, dann frage ich mich doch wie weit dieses Frauenbild wirklich hergeholt ist. Mir erscheint es eher so, dass Atwood die gesellschaftliche Lage von 1985 genommen hat und bloß die Bedingungen etwas verändert hat. Der Abfall der Geburtenrate als grundlegende Gefahr für die Fortpflanzung der Menschheit gepaart mit radikalen Christen an der Macht sorgt für die beschriebene Entwicklung, die wir Frauen hoffentlich niemals erleben müssen. Gleichezeitig können wir nicht unbeachtet lassen, dass Frauenrechte an vielen Orten der Welt vernachlässigt werden, oder schlichtweg nicht existieren. Ich sehe da eine Menge reale Elemente in Atwoods Dystopie. Das macht ihr Buch umso schockierender.

Geniales Ende

Nachdem ich mich letzte Woche über schlechte Buchenden ausgelassen hatte, ist Der Report der Magd ein schönes Beispiel wie man es richtig machen kannen. Ich werde natürlich nicht verraten, wie es ausgeht, aber anstelle eines langweiligen Epilogs stellt Atwood eine vermeintliche Aufzeichnung eines wissenschaftlichen Symposiums ca. 150 Jahren nach den Ereignissen ans Ende, in dem ein Professor einiges zu Gilead erläutert. Gleichzeitig verdeutlicht Atwood die Verzwicktheit im Umgang mit historischen Quellen, insbesondere bei Gesellschaften, die von Zensur Gebrauch machen. Ein absolut gelungener Kniff, der ein wahnsinnig gutes Buch abrundet.

Ich hoffe, dass meine Rezension dich motiviert, Der Report der Magd zu lesen und dich mit den Themen, die Margaret Atwood bespricht, auseinanderzusetzen. Wenn du es schon gelesen hast, schreib mir gerne, wie es dir gefallen hat. 

Der Report der Madg | Margaret Atwood | Fischer | 1989| Originalausgabe 1985 | 398 Seiten | aus dem Amerikanischern von Helga Pfetsch | Taschenbuch

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