Alias Grace von Margaret Atwood ist die Geschichte der vermeintlichen Mörderin Grace Marks Mitte des 19. Jahrhundert und der Roman beruht auf realen, historischen Ereignissen. Atwood spinnt eine beeindruckende Geschichte aus verschiedenen Erzählsträngen, Perspektiven und vermischt gekonnt Fakten mit Lügen und Einbildung, sodass ein komplexes Bild entsteht, dass wir Leser nur schwer entwirren können. Und das macht den Charme der Erzählung aus.

I am almost up to Nancy, to where she’s kneeling. But I do not break step, I do not run, I keep on walking two by two; and then Nancy smiles, only the mouth, her eyes are hidden by the blood and hair, and then she scatters into patches of colour, a drift of red cloth petals across the stones.

p.6 (virago edition)

Grace Marks wurde bereits mit 16 Jahren wegen Mordes angeklagt und weggesperrt. Doch nun mehrere Jahrzehnte später wird ihr Fall wieder aufgegriffen. Dr. Simon Jordan soll herausfinden, was denn nun dran ist an den Vorwürfen und dafür hat er eine, für das 19. Jahrhundert fortschrittliche, psychologische Vorgehensweise gewählt: Er gibt Grace Obst und hofft, dass das Assoziationen in ihr weckt und so bringt er sie zum Erzählen.

Grace erzählt ihre Geschichte von Anfang an, als sie mit ihren Eltern und ihren zahlreichen Geschwistern Irland verlässt, um nach Kanada zu ziehen. Nach und nach erfahren wir immer mehr über Grace, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart. Wir erfahren auch, dass sie es ganz und gar nicht leicht hatte. Ihre Mutter verstarb auf der Überfahrt nach Kanada, nun war sie für die Kinder und den alkoholsüchtigen Vater verantwortlich und suchte sich eine Arbeitsstelle als Hausmädchen.

So lernen wir auch ihre beste Freundin Mary Whitney kennen, die einen großen Einfluss auf Grace hat und der letztendlich vom Schicksal und von den Männern übel mitgespielt wird. In diesem Zuge ist erwähnenswert, dass der ganze Roman sehr viel über das Frauenbild des 19. Jahrhunderts aussagt, aber gleichzeitig auch für die heute Zeit eine gewisse Kritik der Geschlechterrollen mitbringt.

[Mary Whitney] said that some called it Eve’s curse but she thought it was stupid, and the real curse of Eve was having to put up with the nonsense of Adam, who as soon as there was any trouble, blamed it all on her.

p. 190

Atwood nimmt kein Blatt vor den Mund und einige Textstellen sind durchaus widerwärtig und abstoßend. Doch sie sind auch umso mehr authentisch und zeigen deutlich, wie hart das Leben für untere Gesellschaftsschichten sein kann. Insgesamt ergeht es den weiblichen Personen in der Geschichte nicht gerade gut, da ihnen viel Ungerechtigkeit passiert, oder sie Opfer unglücklicher Umstände werden, die häufig mit ihrer Weiblichkeit zusammenhängen.

Je mehr Grace aus ihrem Leben teilt, umso verstörter wird Dr. Jordan. Grace sucht ihn in seinen Träumen heim und er verliert den Bezug zur Realität. Anders als er erhofft hatte, scheint Grace überhaupt nicht die Assoziationen zu ziehen, die er sich erhofft hatte und er wird immer unzufriedener, dass er ihre Schuldfähigkeit nicht einschätzen kann. Auch wir Leser können nicht eindeutig beurteilen, ob Grace nun schuldig ist, oder nicht.

Das liegt vor allem auch an der meisterhaften Erzählkunst Atwoods. Bereits der Aufbau des Romans ist sehr interessant. Atwood stellt jedem Kapite historisch authentische Auszüge aus Graces Gerichtsverhandlung oder Material anderer, die über Grace geschrieben haben, voran. Dann beginnt Graces Erzählung. Wir Leser können dann das Material mit der Erzählung abgleichen; so merkt man schnell, wie uneindeutig die Sachlage ist.

Außerdem kommen uns Lesern immer mehr Zweifel an Graces Verlässlichkeit. Auf Englisch könnten wir sie einen „unreliable narrator“ nennen. Auf ihre Erzählung ist kein Verlass. Sie scheint zu ahnen, worauf Dr. Jordan hinaus will und sie nutzt das zu ihrem Vorteil. Will sie ihn mit ihrer Geschichte nur hinhalten, um nach Jahrzehnten im Gefängnis weiter einen Gesprächspartner zu haben. Will sie ihn manipulieren, um für einen Freispruch zu plädieren. Wir können es nicht so recht wissen.

Gone mad is what they say, and sometimes Run mad, as if mad is a different direction, like west; as if mad is a different house you could step into, or a separate country entirely. But when you go mad you don’t go any other place, you stay where you are. And somebody else comes in.”

Margaret Atwood ist eine absolute Erzählmeisterin. In Alias Grace spielt sie mit verschiedenen Quellen und füllt Leerstellen mit eigener Fantasie während sie gleichzeitig die Authentizität wahrt. Ich habe das Buch drei Mal gelesen und jedes Mal entdecke ich neue Aspekte und gut durchdachte Details, die mir vorher entgangen sind. Was mir nie gelingt und auch nicht gelingen wird: Sicherheit darüber zu erlangen, ob Grace nun schuldig ist oder nicht. Wenn du dir ein eigenes Bild von Grace machen möchtest, dann lies das Buch!

Alias Grace | Margaret Atwood | Piper | 2017 (ursprünglich 1996) | 624 Seiten | 14,00€ (D) | Broschur | übersetzt von Brigitte Walitzek

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