Ich habe selten einen Roman gelesen, der sich so schlecht in Worte fassen lässt, wie Drei von Dror Mishani. Will ich beschreiben worum es geht, lassen sich Spoiler nicht vermeiden, denn der Hauptaspekt des Romans ist gleichzeitig die erste große Überraschung – und die hat mich beim Lesen echt kalt erwischt! Trotzdem ist meine Rezension natürlich spoilerfrei. Ich möchte euch das schockierende Moment nicht verderben.

In Mishanis Roman gibt es drei sehr unterschiedliche Frauen, die alle eines gemeinsam haben: An einer Stelle in ihrem Leben, lernen sie Gil kennen. Orna ist geschieden und hat einen Sohn. Sie ist noch nicht über ihren Ex-Mann hinweg und auch ihr Sohn leidet unter der Trennung. Allerdings möchte sie etwas daran ändern und versucht es deshalb mit Onlinedating. So lernt sie Gil kennen, der selbst geschieden ist und zwei Töchter hat, die nur gelgentlich bei ihm sind. Nach und nach lässt sie sich immer mehr auf ihn ein, was sich letztlich als großer Fehler herausstellt.

Noch in jener Nacht, um kurz vor eins, schickte er ihr eine Textnachricht: „Es hat Spaß gemacht, Orna. Danke.“ Und sie antwortete: „Ich danke dir.“

S. 23

Emilia lernt Gil kennen, als sie rechtlichen Rat zur ihrer Arbeitssituation benötigt. Sie kam aus Lettland, um in Israel in der Altenpflege zu arbeiten. Aber als Nachum, den sie pflegt, verstirbt, muss sie sich nach einem neuen Job umschauen. Während sie einerseits viel arbeiten muss, ist sie andererseits auf der Suche nach dem Lebenssinn. Zufällig gerät sie an eine kleine Kirche mit dem sympathischen Pfarrer, dem sie ihre Sorgen anvertrauen kann. Gleichzeitig wird auch ihr Verhältnis zu Gil enger, für den sie einmal wöchtenlich die Wohnung putzt.

„Ich spüre, es tut mir so gut, mit dir zusammen zu sein, Emilia. Fühlst du das auch? Dass das der Beginn des neuen Lebens ist, über das ich mit dir geredet habe? Und ich möchte dir auch helfen und auf dich achtgeben, damit du behütet bist und das Gefühl hast, ein Zuhause zu haben, verstehst du, was ich sagen will?“

S. 189

Der gesamte Roman versetzt einen in eine bedrückte Stimmung. Die Frauen führen ein eher tristes Leben, sind gefangen in Routinen, Abläfen und ihren eher düsteren Gefühlen. Für beide Frauen steht ein Verlust im Vordergrund. Orna hat durch die Scheidung ihren Mann verloren und im Laufe ihrer Erzählung, droht sie auch noch den engen Kontakt zu ihrem Sohn zu verlieren. Emilia hat ihren Job verloren und gleichzeitig auch den Kontakt zu der netten Ehefrau Nachums.

In dieser Grenzsituation tritt Gil in das Leben der beiden und verspricht vor allem Abwechslung und Zuneigung. Das tragische Moment im Roman ist, dass beide sehr vorsichtig vorgehen, und trotzdem letztlich Gils Charme verfallen. Als Leserin wollte ich die beiden am liebsten packen und warnen, dass sie Gil nicht vertrauen können.

Aufmerksame Leserinnen und Leser der Rezension haben sicher bemerkt, dass ich oben von drei Frauen gesprochen habe, hier aber bisher nur zwei vorgekommen sind. Die dritte Frau, der Mishani eine Stimme gibt, bildet den krönenden Abschluss des spannenden und schockierenden Romans. Hier erwartet die Leserinnen und Leser auch eine weitere überraschende Wendung, die den Roman zu einem runden Schluss bringt.

Mishanis Roman hat mich berührt und erschreckt. Der Autor beschreibt hier unfassbar düster die Beziehung drei unterschiedlicher Frauen zu einem Mann und welche Auswirkungen das auf ihre Leben hat. Ich habe den Roman gerne gelesen, aber es ist sicher kein Buch, das sich leicht verdauen lässt.

Drei | Dror Mishani | Diogenes | 28.08.2019 | 335 Seiten | 24.00€ (D) | Leinenband | übersetzt von Markus Lemke

Das Buch erscheint heute im Diogenesverlag. Ich durfte es vorab als Rezensionsexemplar lesen, aber meine Meinung hat das natürlich nicht beeinflusst.

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