Sie wollte nicht sterben, aber leben konnte sie nicht. Sie wollte vergessen, doch das war unmöglich. Und als Ludger den Satz sagte, der ihre Ehe beendete, wunderte sie sich, dass das Schwarz, das sie umgab, noch nicht das dunkelste gewesen war.

Paula, S. 44

Daniela Kriens zweiter Roman Die Liebe im Ernstfall eröffnet fünf verschiedene faszinierende, weibliche Perspektiven auf das Leben. Sie erzählt die Geschichten von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Die fünf Frauen sind durch unterschiedliche Bande miteinanderverbunden, aber jede hat ihre eigene Stimme und ihr eigenens Päckchen des Lebens zu tragen.

Mutterschaft, Freundschaft, Partnerschaft

Krien beginnt mit Paula, Mutter zweier Töchter, von denen eine sehr früh den plötzlichen Kindstot starb. Dieses schreckliche Erlebnis hat das Leben von Paula nachhaltig und unwiderbringlich verändert, nur ihre Umwelt zieht nicht mit. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger Verständnis hat ihr Umfeld, allen voran ihre beste Freundin Judith, die Paulas anhaltende Traurigkeit nur in kleinen Dosen ertragen kann.

Während Paula eine Familie gründet, ist die Judith auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. In Internetportalen lernt sie immer wieder mehr oder weniger vielversprechende Männer kennen, aber nie scheint einer zu bleiben. Was bleibt, ist ihre Liebe zu Pferden und dem Reitsport und die Freundschaft zu Paula.

Sie raucht gelassen, nicht hastig wie die Süchtigen. In ihren Sucheinstellungen hat sie Nichtraucher gewählt und keinen Kinderwunsch. Beim Alter ist sie großzügig. Zwischen 35 und 55 dürfen sie sein, wobei ein 55-Jähriger einiges zu bieten haben müsste, um den Altersunterschied wettzumachen.

Judith, S. 60

Die Schrifststellerin Brida versucht das Unmögliche: Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Nach der Trennung von Wetzel wechseln die beiden sich damit ab, im Haus bei den Kindern zu wohnen. Doch Brida hängt noch an Wetzel und seine neue Freundin Svenja wirft Brida komplett aus der Bahn.

Das lange Stillen hat ihre Brüste zu leeren Hüllen gemacht, die durchwachten Nächte Schatten in ihr Gesicht gezeichnet, und die Tränen haben es ausgehölt. Sie weiß mehr als damals, doch was nützt es ihr?

Brida, S. 125

Familienleben

Zuletzt sind da noch die Schwestern Malika und Jorinde. Beide sind unter exzentrischen Eltern aufgewachsen und das hat seine Spuren hinterlassen. Während Malika sich um die alternden Eltern kümmert, ist Jorinde als erfolgreiche Schauspielerin in der Welt unterwegs und trotzdem genießt sie die größere Liebe der Eltern. Doch es gibt noch etwas, was die ungleichen Schwestern voneinander unterscheidet. Während Malika liebend gerne Kinder hätte, aber keine bekommt, ist Jorinde zum dritten Mal schwanger. Allerdings nicht von ihrem Ehemann. Und so reift in den beiden Schwestern die Idee zu einer besonderen Familienform, die die beiden näher zusammenrücken lässt.

Der Abend wird ihre Kraft verbrauchen. Ihr Körper wird in gewohnter Weise einen Migräneanfall mit Flimmerskotomen und Erbrechen produzieren. Wenn Jorinde nicht käme, würde sie der Psychosomatik vielleicht entgehen. Doch ihre Schwester wird kommen. Sie wird die Kinder mitbringen und über den Vorschlag reden wollen.

Malika, S. 195

Moderne Probleme

Daniela Kriens Roman liest sich fast wie eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten, die kleine Berührungspunkte haben. Sie beschreibt fünf völlig unterschiedliche Persönlichkeiten und diese Vielfalt macht den Roman sehr lesenswert. Die fünf Frauen haben ganz verschiedene Lebenserfahrungen und Probleme, sodass Daniela Krien sich damit einigen Problemen des Frau- und Menschseins im 21. Jahrhundert annähert.

Es geht um die Familie, die Karriere, die weibliche Selbstbestimmung, die Liebe, den Sex und die Freundschaft – und das sind nur einige der aufkommenden Themen. In vielen Aspekten der Geschichten kann man sich sehr gut wiederfinden und die Relevanz des Romans liegen eben genau darin, dass er die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Menschen betont.

Kriens Schreibstil macht den Roman zu einem Runden Gesamtwerk. Sie schreibt in einer Sprache, die sehr klar und einfach ist und damit kann sie Gefühle sehr gut auf den Punkt bringen. Außerdem hat jede Protagonistin ihren eigenen Stil. Dadurch ist der Roman sehr abwechslungsreich zu lesen.

Und was bleibt?

Das ist die Frage, die ich mir am Ende stellen musste. Daniela Krien spricht zahlreiche, menschliche Probleme an und am Ende bleibt es vollkommen offen, was letztlich daraus folgt. Man wünscht sich fast, dass Krien mit einer Lösung aufwartet, einen Masterplan, wie wir das Leben meistern, wenn einfach alles zu viel ist. Aber vermutlich gibt es einen solchen Plan nicht. Wir müssen wohl jede unsere eigene Geschichte schreiben, um das Ende zu erfahren.

Die Liebe im Ernstfall | Daniela Krien | Diogenes | 2019 | 288 Seiten | 22,00€ (D) Hardcover

1 Comment

  1. Leider konnte ich mich mit keiner der Figuren interessieren und mich hat Daniela Kriens Stil leider überhaupt nicht abgeholt.
    Total Schade, aber für mich waren es nur aneinander gereihte Schicksale und ich konnte keine Emotionen aufnehmen. Es war mir irgendwie zu nüchtern.

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