Max und Tina sind zurück! Alex Capus lässt uns erneut am Leben des glücklich verheirateten Ehepaares aus „Das Leben ist gut“ teilhaben.

Eine Erzählung in der Erzählung

Die beiden bleiben auf einem Pass mit dem Auto im Schnee stecken und richten sich daraufein, die Nacht dort zu verbringen. Damit keine Langeweile aufkommt, beginnt Max eine Geschichte zu erzählen: Die Geschichte von Jakob, dem schweizer Kuhhirten, und Marie, der Bauerntochter, die zu Zeiten der französischen Revolution ganz in der Nähe lebten.

Capus erschafft so eine Erzählung in der Erzählung und er beantwortet nebenbei die Frage, was eine gute Erzählung eigentlich ausmacht.

Wobei es gar nicht so wichtig ist, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt.

Max auf S. 19

Erzählerische Selbstkritik

Max schafft es mit seiner Erzählung, Tina und sich selbst von der quälend langen Zeit im Auto abzulenken und auch ich als Leserin vergaß zwischenzeitlich die Rahmenhandlung bis Capus geschickt dorthin zurückführt. Tina ist nämlich eine gute Zuhörerin und zuweilen ganz und gar nicht überzeugt von Max Geschichte.

Verstehe. Dein Held ist ein alpiner Tarzan, aber die Heldin ist einfach nur neunzehn, guckt aus dem Fenster und tut gar nichts. Und unter dem Fenster blühen die Geranien, da wette ich drauf.

Tina auf S. 33/34

Ihre scharfsinnige Kritik gibt Capus Roman die nötige Würze und eine Prise Humor. Gleichzeitig kritisiert Capus durch Tina seine eigene Erzählung. Das ist ein wirklich interessanter erzählerischer Kniff.

Mithilfe der beiden Handlungsstränge sorgt Capus für doppelte Spannung. Einerseits möchte man wissen, wie es für Jakob und Marie weitergeht. Andererseits befinden sich Tina und Max in einer misslichen Lage und auch ihre Geschichte ist faszinierend. Wie beiläufig füllt Capus Max und Tinas Beziehung mit Leben.

Max und Tina

Das hatte seinen Anfang an einem heißen Sommernachmittag vor sechsundzwanzig Jahren genommen, als sie einander in der Basler Innenstadt in einer Eisdiele über den Weg gelaufen waren. Er hatte ihr den Vortritt gelassen, worauf sie mit ihrem Himbeer-Pistazien-Eis draußen gewartet hatte, bis er mit seinem Haselnuss-Vanille-Eis herauskam, und dann waren sie zusammen am Rhein spazieren gegangen.

S. 12

In vielen kurzen scharfsinnig und witzigen Dialogen lernen wir eine Menge über die Ehe der beiden. Auch wenn die „Max & Tina-Rahmenhandlung“ den kleineren Teil des Romans einnimmt, habe ich das Gefühl sie sehr gut zu kennen. Capus schöner Schreibstil trägt auch dazu bei.

Weißt du wie sich das anfühlt, wenn du diese Strahlen aussendest? Wie Radioaktivität. Lautlos, unsichtbar und geruchlos, aber unbedingt tödlich.

Max zu Tina auf S. 51

Am Ende besteht bei mir kein Zweifel, dass Max und Tina füreinander geschaffen sind.

Alex Capus kurzweiliger Roman ist eine schöne Geschichte über die Kunst des Erzählens und was eine Erzählung zu erschaffen vermag. Dass er uns dafür erneut mit zu Max und Tina nimmt, ist nur allzu passend und unterhaltsam. Gleichzeitig ist es so reduziert auf eine kurze Episode ihres Lebens, dass ich auf jeden Fall Lust auf mehr habe, Herr Capus.

Königskinder | Alex Capus | Hanser | 2018 | 185 Seiten | 21,00€ (D) | gebundene Ausgabe

1 Comment

Write A Comment

%d Bloggern gefällt das: