Nachdem ich Anne Reineckes Lesung aus Leinsee in Marburg besucht hatte, wollte ich nun auch das Buch gerne lesen. Die Stellen, die Anne Reinecke zum Lesen ausgewählt hatte, haben mich sehr neugierig gemacht und klangen wirklich vielversprechend. Im Nachhinein kann ich sagen: Es hat sich gelohnt!

Zum Inhalt von Leinsee

In Leinsee ist Karl aufgewachsen – zumindest bis er alt genug war, das Internat zu besuchen. Karls Eltern, die weltberühmten Künstler August und Ada Stiegenhauer brauchen nur sich zum Leben und Karl passt da einfach nie richtig rein. Deshalb bricht der Kontakt ab. Bis Karl mit 26 Jahren einen Anruf erhält. Die Mutter wird an einem Tumor notoperiert und der Vater hat sich aus Trauer bereits umgebracht. Plötzlich wird Karl nicht nur mit dem Verlust seiner Eltern, sondern auch mit vielen vergrabenen Erinnerungen konfrontiert.

Ein Künstlerroman

Kunst ist sehr zentral im Roman. August und Ada Stiegenhauer sind mit Harzplastiken weltberühmt geworden und sie inszenieren sich meisterhaft. Für Karl bleibt so nur ein Leben unter falschem Namen, um dem Ruhm der Eltern entgehen zu können. Doch Karl ist auch in der Kunstszene tätig. Er vakuumiert Gegenstände. Die Gesellschaft ist begeistert, doch für Karl fühlt es sich eher an wie ein Witz.

Ich liebe die Art, wie Anne Reinecke Kunst beschreibt. Die Beschreibungen können sowohl ganz ernsthaft als auch selbstironisch sein und mir gefiel besonders ihre interessante Betrachtungsweise von Farben.

„Gott weiß“, das hatte der Vater schon immer gesagt. Immer schon, obwohl er überhaupt nicht religiös gewesen war. Als Kind hatte Karl geglaubt, das sei eine Farbe: allerweißestes Weiß, die Bartfarbe Gottes oder so.

Ruhe und Entschleunigung

Auf mich hatte der Roman einen beruhigenden Effekt. Karl kommt aus einem Leben voller Trubel mit seiner Freundin Mara und seinem Galeristen, für den er immer wieder neue Kunstwerke erschafft. In Leinsee ist es ganz anders. Hier ist es ruhig und Karl hat eigentlich nichts zu tun. In dieses Setting kommt die achtjährige Tanja und bildet für Karl quasi einen Anker ins Leben.

Die beiden haben eine ganz eigene Art zu kommunizieren und für Karl scheint das in seiner Situation die einzig mögliche zwischenmenschliche Beziehung zu sein. Tanja erlaubt Karl so zu sein, wie er eben in dieser Ausnahmesituation in Leinsee ist.

Im Gegensatz dazu setzt Mara Karl sehr unter Druck. Die Beziehung, die in Berlin wunderbar funktionierte, scheitert in Leinsee an Maras Unverständnis für Karls heimatliche Gefühle. Mara wird immer mehr zum Gegenspieler, was letztlich dadurch gefestigt wird, dass sie für einen Bruch zwischen Karl und Tanja sorgt.

Mit der Zeit

Der Roman deckt einen Zeitraum von zehn Jahren ab. In der Zeit wird Tanja erwachsen. Was für Karl anfangs befremdlich ist, hat auch mich nicht so recht erreicht. Den Wandel von Tanja, dem süßen Mädchen mit dem schiefen Lächeln, zur jungen Frau konnte ich mir nicht so recht vorstellen. Durch ihr Erwachsenwerden verändert sich auch ihre Beziehung zu Karl, doch gerade das Ende fand ich sehr befremdlich. Ich finde es mutig von Anne Reinecke, wie sie Tanja und Karl entwickelt und auch wie sie das Ende des Romans gestaltet hat.

Leinsee von Anne Reinecke

Mein Fazit

Für mich hat das alles sehr gut zusammengepasst. Leinsee ist sein eigenes kleines Gesamtkunstwerk und Anne Reinecke hat mich durch ihre sprachlichen Bilder und ihren Schreibstil verzaubert. Die Ruhe, die der Roman entwickelt, hat mich fasziniert und entschleunigt und ich kann euch das Buch wirklich ans Herz legen.

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