Mittlerweile weiß ich es ja: Was Martin Suter schreibt, les ich gern. Das kann ich schon sagen, bevor ich einen Blick ins Buch geworfen habe. Die besten Beispiele dafür sind Elefant und Die dunkle Seite des Mondes. Beides Romane, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Und nun hat sich ein weiterer Suterroman auf die Liste geschlichen. In Lila, Lila erzählt Suter auf unvergleichliche Art eine Liebesgeschichte, die auf einer Lüge aufbaut und die genau daran letztlich zu zerbrechen droht.

Als David Marie das erste Mal sieht, ist sie ihm sofort sympathisch. Aber der etwas unbeholfene Kellner hat wenig Chancen und sie bemerkt ihn kaum. Erst, als er ihr ein Manuskript zu lesen gibt, erhält er ihre Aufmerksamkeit. Doch das Manuskript ist nicht von ihm. Er hat es in einem Secondhand-Schränkchen gefunden und seinen Namen daruntergesetzt.

Das gefundene Manuskript beginnt mit dem Satz: „Das ist die Geschichte von Peter und Sophie. Lieber Gott, laß sie nicht traurig enden“ und als eine Art Vorausdeutung zieht dieser Satz sich durch den ganzen Roman. Er ist mir beim Lesen stets im Hinterkopf geblieben und hat so eine unangenehme Vorahnung in mir ausgelöst, dass dieses Buch nicht unbedingt auf ein Happy End zusteuert.

Die Liebesgeschichte des Manuskripts hat David sehr berührt und aus einer Mischung aus Neugier und Wagemut gibt er es Marie. Sie ist genauso fasziniert wie er und geht noch einen Schritt weiter: Sie schickt es an einen Verlag. Mit der Zusage gerät Davids gesamtes Leben aus den Fugen und er verliert mehr und mehr die Kontrolle über sein Lügenkonstrukt.

Über ihm in der Finsternis ahnte er die Nebeldecke, die morgen den Tag verhängen würde. Er versuchte sich nicht auszumalen, wo Marie war. Er fühlte sich elend.

S. 32

Dank dieser kleinen Lüge nimmt die Handlung in Suters Roman schnell Fahrt auf. Einerseits ist David froh, über Maries Aufmerksamkeit, andererseits bedeutet das auch, dass David weiter den Autor mimen muss. Zu Anfangs ist das Buch noch sehr unerfolgreich und David begnügt sich mit der Hoffnung, dass alles bald in Vergessenheit geraten wird. Doch als er plötzlich als literarischer Newcomer gefeiert wird, stellt ihn das für immer größere Herausforderungen.

Marie versteht nicht ganz, wie der plötzlich erfolgreiche David so unbeeindruckt von seinem Schaffen bleiben kann. Immer wieder ermuntert sie ihn, was schon an dramatische Ironie grenzt, denn wir wissen ganz genau, dass David diesen Erfolg nicht verdient hat. Martin Suter zeigt dadurch schön die Folgen des Hochstapler-Syndroms. Dieses Syndrom ist ein psychologisches Phänomen bei dem die Betroffenen so starke Selbstzweifel empfinden, dass sie glauben ihren Erfolg nicht zu verdienen und jederzeit auffliegen zu können. Genauso geht es David, nur dass er eben tatsächlich ein Hochstapler ist.

Gerade als er jedoch anfängt, sich in der Rolle einigermaßen wohl zu fühlen, geschieht das, was wir Leserinnen und Leser natürlich von Anfang an erwarten: Jemand erhebt Anspruch auf das Manuskript. Damit gerät David in eine Abwärtsspirale, aus der er sich alleine nicht befreien kann.

Damit hat Martin Suter mich wieder einmal restlos überzeugt. Die Idee ist toll, die Personen sind sowohl komisch als auch aus dem Leben gegriffen und durch Davids Lügengeflecht hält der Roman auch noch konstant Spannung aufrecht.

Lila, Lila | Martin Suter | Diogenes | 2009 | 352 Seiten | 14,90€ (D) | Hardcover

2 Comments

  1. Ich hab noch nie ein Buch von Martin Suter gelesen.
    Der Elefant spricht mich so überhaupt nicht an.
    Welches würdest du denn ansonsten zum Einstieg empfehlen?

    Liebe Grüße

  2. Ich bin auch ein Suter-Fan und bin immer sehr gespannt auf neue Bücher. „Lila, lila“ steht in meinem Bücherregal, ist aber noch ungelesen. Schön zu lesen, dass dich der Roman vollends begeistern konnte.

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