Mit achtzehn hatte ich kein wirkliches Verständnis von den Arten, die ein Übergriff annehmen kann. Ich hatte ein Gefühl dafür, eine Intuition, eine Art Abneigung gegen manche Situation und manche Menschen, aber ich wusste nicht, dass Intuition und Abneigung zählen, wusste nicht, dass ich das Recht hatte, nicht alles und jeden in meiner Nähe zu mögen und ertragen zu müssen.

S. 6 *eigene Übersetzung, Originaltext am Ende des Beitrags

Anna Burns Roman Milkman gewann im letzten Jahr den Man-Booker-Preis, der damit zum ersten Mal nach Nordirland geht. Ihr faszinierendes Buch hat den Preis mehr als verdient und ich bin wirklich beeindruckt von der Geschichte, die Burns erzählt.

Milkman erzählt von Stalking und einer Gesellschaft, in der Gerüchte mehr wert sind als die Wahrheit. Eine Sache fällt direkt ins Auge: Anna Burns benutzt keine Namen. Die Protagonistin heißt Middle Sister, ihr beinahe Freund Maybe Boyfriend und auch sonst bekommt keiner einen richtigen Namen. Das gibt der Geschichte etwas unpersönliches und etwas erschreckend allgemeingültiges. Es erweckt den Anschein, dass diese Geschichte überall passieren könnte.

Gesellschaftliche Konflikte

Middle Sister möchte eigentlich nur unauffällig ihr Leben leben, leider ist das im Nordirland der 70er Jahre nicht leicht. Die Stadt, in der der Roman spielt, ist politisch gespalten und es herrschen Konflikte, die das tägliche Leben arg beeinträchtigen. Burns nimmt viel Bezug auf die alltäglichen Probleme, die sich aus dem politischen Konflikt ergeben. Es wird auch deutlich, wie schwierig das Leben in einer Gesellschaft ist, die sich gegenseitig überwacht und denunziert. Plötzlich ist es gefährlich, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Es war faktisch so, dass man ein politisches Statement setzte, egal wo man hinging und was man tat, selbst wenn man das gar nicht wollte.

S. 25 *eigene Übersetzung, Originaltext am Ende des Beitrag

Wenn Gerüchte das Leben bestimmen

Obwohl sie glaubt sich unauffällig zu verhalten, erregt Middle Sister die Aufmerksamkeit des Milkman. Er beginnt ihr zu folgen, taucht dort auf wo sie ist und spricht mit ihr. Aber er sieht sie nie an, fasst sie nie an und so traut sie sich nicht, jemandem davon zu erzählen. Gleichzeitig glauben alle anderen, bereits zu wissen was los ist. Gerüchte machen die Runde und Middle Sister hat keine Möglichkeit, diesen Gerüchten etwas entgegen zu setzen.

„Spar dir die Erklärung“, sagte er. „Ich weiß schon Bescheid.“ Und es war dieses gleichgültige, abschätzige, so-des-Lebens-überdrüssige ‚Spar dir die Erklärung‘, das mir den Rest gab.

S. 285 *eigene Übersetzung, Originaltext am Ende des Beitrag

Ein detaillierter Blick auf Stalking

Was mich sehr beeindruckt hat, ist die langsame Entwicklung im Buch, die die Ereignisse so glaubhaft macht. Nach und nach dringt der Milkman in Middle Sisters Privatsphäre ein, ohne ihr eine Grundlage zu geben, auf der sie sich wehren kann. Er bedrohnt unterschwellig Maybe Boyfriend. Gerade genug, um Middle Sister Angst zu machen, aber nicht genug, als das jemand ihre Sorgen ernst nehmen würde. Und wir erleben auch, wie Middle Sister so langsam alle Unterstützung verliert. Die Beziehung zu Maybe Boyfriend wird überschattet von den Gerüchten, die es über sie und Milkman gibt. Ihre eigene Familie glaubt eher den Gerüchten als ihr und deshalb steht sie letztlich ziemlich alleine da.

Vor allem war es, als wäre ich genau zu der Person geworden, die ich laut allen anderen zu sein hatte.

S. 129 *eigene Übersetzung, Originaltext am Ende des Beitrag

Ein wundervoller Schreibstil

Neben der faszinierenden und erschreckenden Handlung des Romans hat Anna Burns auch einen wundervollen Schreibstil. Das Buch ist bisher nicht auf Deutsch erschienen (Stand März 2019), aber es lohnt sich, wenn ihr ein bisschen Englisch könnt, einen Blick in die Originalzitate zu werfen, die ich unten aufgeführt habe. Ich bin nämlich keine Übersetzerin, habe mich aber entschlossen, die Zitate dennoch für meinen Beitrag zu übersetzen. Anna Burns schreibt sehr präzise und sie erfasst Emotionen ganz konkret, sodass man sie als LeserIn nachfühlen kann. Ich habe ihre Sprache genossen und gönne ihr den Man-Booker Preis, den sie sehr verdient hat.

Milkman ist ein Buch, dass mich bewegt und ein wenig erschreckt hat. Es beschreibt Stalking auf eine Art, in der man versteht, dass es jede/n treffen kann und es zeigt eindrücklich, wieso die Protagonistin einfach machtlos ist. Gleichzeitig bringt es den nordirischen Konflikt in die Gleichung und verknüpft beide Aspekte. Im Roman erfahren wir einiges über alltägliche Folgen der politischen Situation im Nordirland der 70er Jahre. Insgesamt ist es einer wundervoller Roman, den ich euch nur empfehlen kann.

Milkman | Anna Burns | Faber & Faber | 2018 | 348 Seiten | 17,75€ | Englisch


Originalzitate in der Reihenfolge wie sie oben vorkommen:

At eighteen I had no proper understanding of the ways that constituted encroachment. I had a feeling for them, an intuition, a sense of repugnance for some situations and some people, but I did not know intuition and repugnance counted, did not know I had a richt not to like, not to have to put up with, anybody and everybody coming near.

p. 6

There was the fact that you created a political statement everywhere you went, and with everything you did, even if you didn’t want to.

p. 25

„Don’t bother explaining“, he said. „I already know“. And it was that languid, dismissive, oh-so-world-weary ‚don’t bother explaining‘ that did it.“

p. 285

More than anything, it was as if I’d fallen into the very person, according to everybody I was now supposed to be.

p. 129

Write A Comment

%d Bloggern gefällt das: