Der Roman Rainbirds von Clarissa Goenawan hat mich vor eine leserische Herausforderung gestellt. Einerseits habe ich mich sehr gefreut, dass es sich für mich um den ersten Roman einer indonesischen Autorin handelt. Die Handlung spielt sich in Japan ab, ebenfalls ein Debut für mich und ich war wirklich gespannt, ob das Buch mir die japanische Kultur näherbringen kann. Andererseits bin ich schon gleich auf den ersten paar Seiten ein wenig mit dem Erzähler angeeckt, ich konnte mich nicht so recht in Ren hineindenken. Also erwartete mich ein wirklich zwiegespaltenes Leseerlebnis.

Die Sonne schien durch die Gardine und malte schimmernde Flecken auf ihr langes dunkles Haar. Sie stellte mir Frage um Frage, doch in meiner Ungeduld, das Gespräch hinter mich zu bringen, gab ich nur einsilbige Antworten. Aber dann zerfiel sie vor meinen Augen und wurde zu Asche.

aus Rainbirds

Verschlossener Protagonist

Als Ren erfährt, dass seine Schwester ganz plötzlich verstorben ist, macht er sich sofort auf nach Akakawa, wo sie zuletzt gelebt hat. Er erfährt ein paar Details über ihre Ermordung, aber alles scheint ziemlich ungeklärt. Ren beschließt etwas länger zu bleiben, er wandelt auf den Spuren seiner Schwester Keiko und er merkt, dass er sie zuletzt nicht so gut kannte, wie er geglaubt hat.

Ren ist sehr verschlossen und so schreibt Clarissa Goenawan auch. Ich habe die ganze Zeit über versucht einen Zugang zu ihm zu finden, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Seine neutrale Art angesichts des tragischen Verlusts einer geliebten Person und seine passive Haltung in der Geschichte gingen mir ziemlich gegen den Strich und ich hätte Ren gerne mal geschüttelt.

Viele seiner Handlungen haben sich mir einfach nicht erschlossen und er zeigt so wenig Eigeninitiative, dass es fraglich ist, ob man als Leser überhaupt wissen kann, wie er tickt. Der Job in der Schule wird ihm angeboten und er nimmt ihn an, obwohl er eigentlich nicht mal in Akakawa bleiben wollte. Die erste Wohngelegenheit, die sich ihm bietet, ist ihm recht, obwohl die Wohnsituation sehr dubios ist. Und letztendlich hat mich besonders der Handlungsstrang mit seiner Schülerin Rio gestört, von der er sich einfach alles gefallen lässt.

Unabgeschlossene Handlungsstränge

Insgesamt gab es für mich zu viele Handlungsstränge, die nicht weiterverfolgt oder gar aufgelöst werden. Die Handlung plätschert vor sich hin und ich fragte mich, was mich wohl am Ende erwarten würden… Die Antwort ist: Nichts. Das Ende hat mich ebenso enttäuscht, wie die Handlung und der Protagonist.

Sehr positiv werte ich aber die poetische Sprache von Goenawan. Der Schreibstil hat mir wirklich gut gefallen und es kamen immer mal wieder Aspekte durch, die ich als speziell für ihre Kultur eingestuft hätte, wobei mir da aber literarische Vergleichsmöglichkeiten fehlen und ich es nur unter Vorbehalt so betrachte. Sie schreibt sehr verträumt und nutzt viele sprachliche Bilder.

Insgesamt bin ich mit dem Stil der Geschichte leider nicht warm geworden. Besonders die springende Handlung ohne erkennbaren roten Faden und die fehlende Zusammenführung am Ende haben mich eher enttäuscht. Das konnte für mich auch der schöne Schreibstil nicht aufwiegen.

Rainbirds | Clarissa Goenawan | Piper | 1.3.2019 | 320 Seiten | 20,00€ (D) | Hardcover | übersetzt von Sabine Lohmann

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