Die Kritikerinnen und Kritiker haben ihren Spaß mit Takis Würgers Stella und übertrumpfen sich mit ihren Verrissen. Das Buch polarisiert und hat auch in der Buchcommunity auf Instagram für hitzige Debatten gesorgt.

Aus der Schweiz nach Berlin

Friedrich, das schweizer Landei hat von der Welt nicht viel gesehen und möchte sich nun im vom Krieg betroffenen Berlin von der Realität menschlicher Abgründe überzeugen. Dazu mietet er sich in Berlins teuerstem Hotel ein und bucht einen Kunstkurs. In diesem Kurs trifft er auf Kristin, die dort nackt Modell steht, doch seine Unerfahren- und Verklemmtheit blockiert seine künstlerische Ader.

Ein ahnungsloser Schweizer in Deutschland ’42. So in etwa lässt sich Würgers Roman beschreiben. Wir begleiten Friedrich beim Abenteuer seines Lebens; nur leider bleibt er dabei eindimensional und unentwickelt. Um dem Roman mehr Tiefe zu geben, streut Würger vor jedem Kapitel scheinbar willkürlich Ereignisse des Zeitgeschehens ein, ohne diese näher auszuführen. Außerdem präsentiert er den Leserinnen und Lesern Auszüge aus originalen Gerichtsakten, womit Würger wenigstens für Authentizität sorgt.

Eine ernste Thematik

Takis Würger hat sich hier für einen schwierigen Stoff entschieden, der in der Buchwelt gewisse Erwartungen weckt. Das Thema Nationalsozialismus muss mit Ernsthaftigkeit und Tiefe besprochen werden – und auf mich wirkt es als wäre Würger an dieser Aufgabe gescheitert.

Friedrich begegnet dem Krieg mit einer Naivität, die ihresgleichen sucht. Er möchte sich in Berlin vom deutschen Krieg überzeugen, aber eigentlich verschließt er die Augen und lebt im Luxus vom Geld seines Vaters. Während die Bürger die Stadt verlassen und sich bei Fliegeralarm im Bunker verstecken, stromert Friedrich mit Kristin durch die Stadt.

Berlin lag still vor uns. Kristin ging vor mir über den Fußweg, sie machte kleine Hopserschritte und hielt ihre Hand nach hinten, ohne sich nach mir umzuschauen. Ich nahm ihre Hand.

S. 71

Die Schuldfrage

Friedrich und Stella stehen in einem scharfen Kontrast zueinander. Er ist die „Unschuld vom Lande“ und gerät von einer Situation in die nächste, ohne wirklich an seinem Leben beteiligt zu wirken. Kristin, die sich als Stella Goldschlag herausstellt, erscheint hingegen weltgewandt und erfahren. Ihre Motive bleiben für die Leserinnen und Leser lange unklar, bevor sich am Ende die alles entscheidende Frage stellt: Wer ist Täter, wer ist Opfer?

In meinen Augen verpasst es Takis Würger dieser Frage weiternachzugehen. Was sich schon früh als Thematik andeutet, wird letztendlich erst am Ende aufgegriffen. Doch auch hier herrscht Ignoranz vor tiefgründiger Aufarbeitung der Problematik.

Ich wollte nicht, dass mein Freund Tristan in der SS ist. Ich wollte nicht, dass Kristin für ein Ministerium arbeitet. Ich wollte, dass wir drei weiter tanzen.“

S. 74

Statt also mit erschütternder Tiefgründigkeit zu punkten, stellt Stella eine kitschige und klischeebehaftete Liebesgeschichte in den Vordergrund. Friedrich als schüchterner „Bub“ weiß nicht so recht mit der welterfahrenen Stella umzugehen, also macht er überwiegend was sie sagt und gibt ihr was sie möchte und dabei scheint die Verliebtheit seine Denkleistung zu beeinträchtigen.

Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer hellen Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund un dspülte es mit Kognak runter.

S. 81

Die Liebe in Zeiten des Krieges

Für mich stimmt hier das Verhältnis nicht. Die Liebesgeschichte nimmt viel zu viel Raum ein und der Krieg erscheint fast lächerlich unwichtig. Dabei beruht der Roman auf einer wahren Begebenheit und hätte daher so viel hergegeben.

Gerade zum Ende des Buches hin sehe ich viel unausgeschöpftes Potential. Das Buch endet an einer Stelle, an der Stella Goldschlags Leben eigentlich erst richtig interessant wird. Während Takis Würger im Schnelldurchlauf abspult, wie Stellas Leben tatsächlich zu Ende ging, hätte man hier endlich zur Frage kommen können, wie man denn nun damit umgeht, wenn jemand sowohl Täter als auch Opfer ist. Stattdessen endet Stellas und Friedrichs Beziehung so kitschig wie sie begonnen hat. Auch muss ich leider feststellen, dass keiner der beiden sich wirklich weiterentwickelt hat. Wozu haben wir also zweihundertzwanzig Seiten gelesen, wenn Friedrich scheinbar rein gar nichts gelernt hat?

Kontrovers rezipiert

Dennoch ist nicht alles schlecht an Stella. Takis Würger hat einen ansprechenden Schreibstil und das Schicksal einiger Nebenfiguren, sowie das von Stella, haben mich berührt. Aber für mich ist es kein Buch, das einen neuen Blickwinkel auf das Geschehen wirft und ich glaube auch deshalb steht es so hart in der Kritik. Der Deutschlandfunk titelt: „Wo beginnt der Holocaust-Kitsch“ und kritisiert hier Takis Würgers gewählten Umgang mit der Thematik. Ich kann die Argumentation sehr gut nachvollziehen.

Bei aller Kritik bleibt es ein Buch über das gesprochen und gestritten wird. Deshalb gibt es auch zahlreiche Meinungen von anderen Bloggerinnen und Bloggern.

Stella | Takis Würger | Hanser | 11.01.2019 | 224 Seiten | 22,00€ (D) | Hardcover


2 Comments

  1. Hallo Lisa,
    Endlich finde ich Zeit bei dir zu kommentieren. Habe ich mir schon die ganzen letzten zwei Wochen vorgenommen und immer wieder aufgeschoben.
    Ich finde leider auch, dass Takis Würger bei diesem Roman viel verpasst hat und an vielen Stellen falsch an das Thema rangegangen ist.
    „Die Liebesgeschichte nimmt viel zu viel Raum ein und der Krieg erscheint fast lächerlich unwichtig. Dabei beruht der Roman auf einer wahren Begebenheit und hätte daher so viel hergegeben. “ -> Genau das! Und Friedrich war mir insgesamt auch einfach viel zu naiv. Das hat mich wirklich sehr genervt.

    Ich bin gespannt, was am Ende dieser ganzen Debatte kommt. „Der Club“ von ihm hat mir nämlich ganz gut gefallen. Ich hoffe also, dass er als Autor nicht das Handtuch wirft.

    Viele Grüße
    Chrissi

    • Lisa Reply

      Liebe Chrissi,
      Vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂 Ja, Takis Würger hat da wirlich einiges verpasst. Der Club habe ich noch nicht gelesen. Ich würde gerne mal reinschauen, auch wenn ich Stella nicht so toll fand. Würgers Schreibstil hat mir nämlich eigentlich sehr gut gefallen.

      Ich denke, dass die Aufmerksamkeit seiner Schriftstellerkarriere bestimmt nicht schadet. Und ich bin auch sehr gespannt, was da noch kommt!

      Liebe Grüße 🙂

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