Letzte Woche habe ich mit Stone Mattress von Margaret Atwood begonnen und auch bereits die erste Geschichte daraus gelesen. Wie das lief und ein paar generelle Infos zum Werk könnt ihr in meinem Leseupdate von letzter Woche nachlesen. Jetzt habe ich mich an die nächste Geschichte gewagt und was mich dabei so überrascht hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Die Geschichte, die in Stone Mattress auf „Alphainland“ folgt, heißt „Revenant“ (dt. „Wiedergänger“). Sie begann für mich erst mal wieder sehr verwirrend mit der Protagonistin Reynolds (abgekürzt Rey), die ich mehrere Seiten lang für einen Mann gehalten habe. Ich habe das Gefühl in Kurzgeschichten ist jeder Satz extrem wichtig und gerade auch das Ende von Kurzgeschichten beeinflusst häufig die gesamte Handlung. Deshalb lese ich Kurzgeschichten am liebsten zweimal, wenn ich die Zeit dazu habe.

Beziehung mit Altersunterschied

„Revenant“ dreht sich um Gavin und Reynolds, die zusammenleben. Man erfährt recht schnell, dass Gavin renommierter Autor und um einiges älter als Reynolds ist. Wir erfahren erst ein wenig über die beiden und ihre Beziehung zueinander und es gibt eine Menge Bezüge zu anderen Autoren wie Shakespeare und Yeats. Gavin und Reynolds erwarten eine Studentin, die Gavin zu seinen Werken interviewen möchte, da sie eine Arbeit über ihn schreibt.

Diese Situation an sich ist schon sehr interessant. Er als Autor wird zu seinen eigenen Werken befragt und bekommt selbst mit, welche Arbeiten dazu verfasst werden – eine Situation, die Margaret Atwood nicht unbekannt sein dürfte. Gavin kommt damit allerdings nicht sehr gut zurecht und wird ausfallend.

„Can’t you find a better use for your time than trying to decipher that turgid puddle of frog spawn?“ he says. „A fine specimen of womanhood like you going to waste, your cute butt withering on the vine. Getting any?“

S. 73 Gavin zu der Studentin, die ihn interviewt

Aber was hat Gavin so aufgeregt? Der kleine Plotttwist in der Geschichte: Die Studentin möchte nicht Gavin zu seinen Werken befragen, sondern sie interessiert sich für die Werke seiner Ex-Freundin Constance und ihre Fantasywelt, von der Gavin absolut nichts hält.

Margaret Atwood konfrontiert den alten, elitären sexistisch versnobbten Gavin mit einer frechen jungen Frau, die nicht da ist, um ihm Honig ums Maul zu schmieren, sondern um ihn zu einer Frau zu befragen, die in seinen Augen literarisch nichts zustande gebracht hat. Besonders gefallen hat mir die Stelle, an der die Studentin Gavin erzählt, dass Constance ihm früher kleine Zettel geschrieben hat und er keinerlei Erinnerung daran hat. Es wird sehr deutlich, wie sein Frauenbild gestrickt ist: Er schätzt Frauen nicht wert und misst ihnen keine tiefere Bedeutung bei als für ihn zu sorgen.

Verknüpfung der Geschichten in Stone Mattress

Viel zu spät, erst nach zwanzig Seiten der Geschichte, ist mir der offensichtliche Zusammenhang zwischen „Alphainland“ und „Revenant“ aufgefallen. Während „Alphainland“ das Leben von Constance im Alter beschreibt, geht „Revenant“ auf Gavin, ihren Ex-Freund ein. Constance hat sich in „Alphainland“ viel an ihn erinnert, aber ich habe die Geschichten im Abstand von einer Woche gelesen und konnte mich an den Namen Gavin nicht mehr erinnern. Umso überraschter war ich, als plötzlich Constance namentlich auftaucht und es endlich ‚Klick‘ gemacht hat.

Ganz generell merke ich nach den beiden Geschichten aus Stone Mattress, dass das Thema ‚Alter‘ eine sehr wichtige Rolle spielt. Constance wird in „Alphainland“ mit der jungen Supermarktverkäuferin konfrontiert, die sich Sorgen macht, dass Constance sich bei Glatteis die Hüfte brechen könnte. Gavin hingegen hat Reynolds, die etwas von Dropbox erzählt wovon er nichts versteht. Mit ihr an seiner Seite ist er sich dauerhaft Älternwerden bewusst und er stürtzt am Ende, weil er sich weiter Reynolds Hilfe anzunehmen.

Does she ever see him watching her through the picture window? Most likely. Does she think he’s a lecherous old man? Very probably. But he isn’t exactly that. How to convey the mix of longing, wistfulness, and muted regret that he feels? His regret that he isn’t a lecherous old man, but he wishes he were. He wishes he still could be. How to describe the deliciousness of ice cream when you can no longer taste it?

S. 54

Die nächste Geschichte in Stone Mattress heißt „Dark Lady“ und ich werde sie bis nächsten Mittwoch lesen und euch dann hier vorstellen. Schaut gerne wieder vorbei!

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