Einwanderung ist nach wie vor ein aktuelles Thema in Deutschland, Europa und der Welt. Es ist für mich schwer vorstellbar wie man sich fühlt, wenn man in ein fremdes Land reist, um dort zu leben. Außerdem kann man natürlich nicht pauschalisieren, denn es gibt so viele Einzelschicksale und einzigartige Geschichten, die nicht miteinander vergleichbar sind. Alina Bronsky bringt uns in ihrem Roman Der Zopf meiner Großmutter das Schicksal des jungen Max näher und gibt uns einen Einblick in das Leben mit seinen Großeltern.

Max lebt mit seinen Großeltern in einem Wohnheim seit sie von Russland nach Deutschland gekommen sind. Seine Großmutter kümmert sich um ihn und schießt dabei leider übers Ziel hinaus. Sie hält ihn klein, maßregelt ihn permanent und bestimmt über sein gesamtes Leben. Sie redet Max ein krank zu sein und sogar in die Schule begleitet sie ihn, um im Unterricht neben ihm zu sitzen.

Der Großvater beobachtet das Ganze schweigend und flüchtet sich immer mehr in andere Beschäftigungen, und schließlich vor allem in Nina, die ehemalige Nachbarin die mit ihrer Tochter Vera nun zwar woanders wohnt, aber mit der Zeit eine immer größere Rolle im Leben der kleinen Einwandererfamilie einnimmt.

Im Verlauf der Handlung vermischen sich diese beiden Familien. Nina, mit ihrer Tochter Vera und Max mit seinen Großeltern und schließlich auch ein neugeborene Junge, der die Familiendynamik nochmal auf den Kopf stellt und alle zwingt Kompromisse einzugehen.

Und während Max so aufwächst, werden ihm einige Dinge klar:
1. Von Süßigkeiten fault ihm nicht sofort die Zunge ab.
2. Eigentlich ist er gar nicht krank – und dumm auch nicht.
3. Seine Großmutter ist nicht unfehlbar.

Das Buch war eine aufregende Mischung aus Bedrückung, Faszination, Elend und krankhafter Liebe. Es wird deutlich wie stark Familienbande sein können und wie sehr die eigene Familie das Weltbild prägt. Mehr als einmal habe ich mir gewünscht, Max möge seiner Großmutter endlich mal die Meinung geigen und sie möge ihn einfach in Ruhe lassen. Doch letztlich habe ich erkannt, dass auch die Großmutter gefangen in dieser Rolle ist, in einer Welt, die sie sich ganz anders vorgestellt hatte.

Die Beziehung zwischen Max und seiner Großmutter ist echt verkorkst, aber aus Max Perspektive wird das Ausmaß nicht zur Gänze deutlich. Erst nach und nach wurde mir die Komplexität dieser Familienbeziehung bewusst. Auf zweihundert Seiten erfahren wir eine Menge über das Leben dieser russischen Einwandererfamilie.

Die Sprache von Alina Bonsky ist wundervoll und ich habe das Lesen des Romans sehr genossen. Sie beschreibt Max Gefühle sehr einfühlsam und verdeutlicht die Komplexität der Gefühle, wenn man gefangen ist zwischen der Dankbarkeit dafür, was die Familie für einen getan hat, und den Wunsch genau diese Familie hintersich zu lassen, um endlich auf eigenen Beinen stehen zu können.

Der Zopf meiner Großmutter |Alina Bronsky | Kiepenheuer & Witsch | 09.05.2019 |224 Seiten |20,00€ (D) | Hardcover

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