Johannes Böhme haben diesen Frage umgetrieben: Wer war seine Großmutter? Welche Motive hatte sie? Wie ist sie so geworden, wie sie bis zu ihrem Tod war? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, hat er sich für Das Unglück schreitet schnell auf eine kleine Reise begeben. Er hat Briefe des ersten Lebensgefährten seiner Großmutter, die dieser während seines Einsatzes im zweiten Weltkrieg geschrieben hat, untersucht und auseinandergepflückt; mit besonderem Augenmerk auf alles, was in den Briefen ungesagt bleibt.

Ich habe meine Großmutter, solange sie gelebt hat, nie wirklich durchschaut. Ich habe ihre Merkwürdigkeit nicht einordnen können, ihre Marotten fand ich anstrengend. Ihre Ängste schienen jeglichen Kontakt mit der Wirklichkeit verloren zu haben und im freien Raum zu schweben wie entkommene Heliumballons.

S. 13

Johannes Böhme führt uns langsam an seine Großmutter heran. Er beschreibt, wie er sie empfunden hat und versucht dann nach und nach zu ergründen, wieso sie so geworden ist. Dazu schaut er einerseits genau auf ihr Elternhaus, andererseits auch auf ihre Beziehung zu Herrmann, ihrem ersten Lebensgefährten.

Während der Lektüre hatte ich ein sehr genaues Bild von Herrmann vor Augen, aber die Großmutter Anny blieb mir größtenteils fremd. Ich hatte das Gefühl, Böhme gibt dieses Unwohlsein, das er gegenüber seiner Großmutter verspürte, direkt an uns Leser_innen weiter.

Aufarbeitung von Vergangenem

Ein sehr spannender Aspekt der Untersuchung der Briefe ergibt sich aus allem, was in den Briefen nicht erwähnt wird. Herrmann scheint in der Zeit des Krieges sehr viel geschrieben zu haben. Allerdings sind es häufig Belanglosigkeiten und Banalitäten. Aber was schreibt man aus dem Krieg? Böhme bastelt für uns das Zeitgeschehen zusammen und erzeugt ein detailliertes Bild davon, was um Herrmann herum geschah, während er vom Wetter oder vom Essen schreibt.

Diese Selbstkontrolle, mit der er sie für ihre Pakete und Briefe lobt; die Abwesenheit von Emotionen wie Angst, Wut, Erregung, die er gefühlt haben muss; der Gleichmut, mit dem er weiterhin die gleichen Belanglosigkeiten übermittelte, die er in den Wochen zuvor auch schon zu Papier gebracht hatte, um ihre Tendenz zu sorgevollen, dunklen Vorahnungen nicht zu erregen: ist das Stärke oder Schwäche?

S. 180/181

Originalbriefe

Böhme gestaltet seinen Roman interessant und lehrreich zugleich. Es ist kein Stoff, den man leicht zwischendurch lesen kann, aber die investierte Zeit lohnt sich dennoch. Ich habe ein wenig originale Textstellen aus den Briefen vermisst. Böhme zitiert und fasst zusammen, aber noch häufiger hätte ich mir längere Passagen direkt aus den Briefen gewünscht, um mir selbst ein Bild machen zu können und nicht nur auf Böhmes Interpretationen vertrauen zu müssen.

Die Aktualität des Romans zeigt sich darin, dass Johannes Böhme sicherlich nicht der einzige ist, der sich über Marotten der Großeltern wundert. Ich denke in vielen Haushalten wird wenig über den Krieg gesprochen. Erst wenn die Großeltern Anzeichen von Senilität zeigen und Affinitäten zu politischen Richtungen hervortreten, die in der Nachkriegszeit besser verborgen geblieben sind, fangen wir an uns zu fragen, wer unsere Großeltern eigentlich wirklich waren. Böhmes genauer Blick hat sich gelohnt und uns einen spannenden und erkenntnisreichen Roman beschert.

Das Unglück schreitet schnell | Johannes Böhme | Ullstein fünf | 2019 | 407 Seiten | 22,00€ (D) | Hardcover

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